Armenien: Reise zu den Anfängen des Christentums

Reise nach ArmenienJerewan sz Armeniens uralte Klöster und Kirchen locken Pilger und Kulturreisende an. Künftig sollen es noch mehr werden.

Wer von einer geplanten Reise nach Armenien erzählt, blickt mitunter in ratlose Gesichter. „Wo liegt das eigentlich?“, fragen die einen ganz ungeniert. Andere haben zwar eine gewisse Peilung Richtung Südkaukasus, wollen dann aber gleich wissen, ob auch Bergkarabach mit auf der Route liege. Nein, die von Armenien und Aserbaidschan beanspruchte und seit dem Zerfall der UdSSR heiß umkämpfte Region zählt nicht zu den bevorzugten Zielen der Touristikbranche. Spannend und geschichtsträchtig ist der Aufenthalt in den anderen Landesteilen allemal – Bibel-Flair inbegriffen.

 Viele Klöster sind restauriert, neue Hotels gebaut und die Weine so gut, dass sie internationale Preise einheimsen. Armenien löst sich seit der Unabhängigkeit von der ehemaligen Sowjetunion 1991 Stück für Stück aus seiner schwierigen Vergangenheit heraus, versucht sich in einer diffizilen geopolitischen Lage zu behaupten und poliert kräftig an seinem Image als Reiseland. Die meisten Touristen kommen aus Russland, doch die Zahl der Gäste aus dem Iran und auch aus Europa steigt ständig. Ehrgeiziges Ziel des Wirtschaftsministeriums: Drei Millionen Gäste, rund das Doppelte von heute, will man in fünf Jahren begrüßen. Allerdings ist Armenien sicher nicht tauglich für den Massentourismus. Erster Anbieter für Gruppenreisen war in Deutschland vor rund 20 Jahren „Biblische Reisen“.

 

Nicht Europa, nicht Asien

Die Verkehrswege im Landesinneren sind noch ausbaufähig. Derzeit gibt es nur eine Bahnstrecke ins Ausland: jene nach Georgien. Die Verbindungen in die Türkei und nach Aserbaidschan liegen still. Eine Strecke in den Iran soll gebaut werden. Auch der internationale Luftverkehr lässt Wünsche offen. So gibt es derzeit keinen Direktflug von einem deutschen Flughafen in die armenische Hauptstadt.

„Armenien ist nicht Europa und nicht Asien“, erklärt Reiseleiter Artur Manucharyan und spielt damit sowohl auf die geografische, als auch auf die gesellschaftspolitische Lage seiner Nation an, die sich den ältesten christlichen Staat auf Erden nennen darf. 301 wurde das Christentum Staatsreligion, was Pilger auf den Spuren christlicher Stätten genauso anzieht wie Kulturtouristen auf der Suche nach den historischen Zeugnissen dieser frühen Kulturnation. Sie kommen auf ihre Kosten. Archaische Kirchen und Klöster sind die steinernen Zeugen der frühen Christianisierung, und das Matenadaran-Museum in der Hauptstadt Jerewan bewahrt mit einer Sammlung von 15 000 frühen armenischen Handschriften die hohe religiöse Buchkunst eines Volkes, für das „Sprache und Kirche über die Jahrtausende Bollwerke der Identität“ waren. Das sagt die Führerin durch das meistbesuchte Museum des Landes, das wuchtig auf einem Hügel über der Stadt thront. Bei schönem Wetter erblickt man in der Ferne den schneebedeckten Gipfel des Ararat – angeblich Landepunkt der Arche Noah, heute auch Namenspatron für die berühmte Cognac-Fabrik des Landes.

Apropos Schrift: Weil der Mönch Mesrop Maschtoz im 4. Jahrhundert die Bibel in seine Muttersprache übersetzen wollte, armenisch zu diesem Zeitpunkt aber noch gar keine Schriftsprache war, entwickelte er ein Alphabet mit 36 (heute 39) Buchstaben, die gleichzeitig auch Ziffern sind. Die Verehrung dieser frühen Sprachwissenschaftler spiegelt sich jährlich am zweiten Samstag im Oktober wider, der als Feiertag der heiligen Übersetzer gilt. Und Frauen knüpfen auf der Straße kleine Teppiche mit dem Alphabet als Muster. Sprache als Bollwerk der Identität? Wer die oft sehr leidvolle Geschichte dieses Volkes liest, dessen Territorien immer wieder Ziele von Überfällen und Vertreibungen waren, begreift diesen Stolz auf die eigene Schrift. Schmerzlicher Höhepunkt der Verfolgung: der Völkermord von 1915 durch das Osmanische Reich, dem eineinhalb Millionen Armenier zum Opfer fielen.

Die Genozid-Gedenkstätte Zizernakaberd – auf Deutsch Schwalbenburg – hoch über Jerewan gehört deshalb auch ins Pflichtprogramm auf einer Reise durch dieses Land der Steine, der Berge, der Seen und Wälder. Neben dem Mahnmal beeindruckt besonders das neue Museum, das mit dem vielfach fotografierten Grauen konfrontiert. Da das deutsche Kaiserreich seinen Verbündeten am Bosporus damals während des Ersten Weltkriegs nicht verlieren wollte, unternahm es trotz zahlreicher Appelle nichts gegen den Genozid. Diesem beschämenden Teil unserer Geschichte muss man sich als Deutscher in Armenien stellen.

Armenier leben heute in alle Welt verstreut, haben ihre Heimat aber nicht vergessen. Wie zum Beispiel Schahnur Waghinak Asnawurjan, besser bekannt als Charles Aznavour, französischer Sänger, Komponist und Schauspieler. Der heute 93-Jährige hat in Armenien unter anderem 50 Schulen und ein Altenheim gebaut. Viele andere Armenier in der Diaspora tun es ihm gleich: Ob Straßen, Seilbahnen, Parks, Kirchen, Klöster – in der Regel stehen potente Auslandsarmenier als Investoren dahinter. So auch beim exklusiven United World College Dilidschan, das insgesamt Schüler aus 72 Ländern eine erstklassige Ausbildung bietet.

Der Kurort Dilidschan befindet sich inmitten des Nationalparks und ist auf 1500 Metern in den heißen Sommermonaten – Jerewan litt wochenlang unter extremer Hitze mit 40 und mehr Grad – eine echte Sommerfrische. Wer von der quirligen Hauptstadt herfährt, erlebt einen Wechsel der Landschaften. Vor dem zweieinhalb Kilometer langen Dilidschan-Tunnel sind die Berge braun und verbrannt, nach dem Tunnel präsentiert sich die Landschaft grün mit hohen Bäumen.

Nördlich von Dilidschan liegt das Kloster Haghartsin aus dem 13. Jahrhundert, in dem Vater Aristakes die deutsche Reisegruppe herzlich begrüßt und von der positiven Entwicklung der Kirche berichtet. Während zur kommunistischen Zeit nur sieben Mönche in Armenien geduldet wurden, wird jetzt der neue Nachwuchs in zwei Priesterseminaren ausgebildet. Haghartsin präsentiert sich heute proper hergerichtet.

 

Erholung am See

„Ein Stück Himmel ist zu Boden gefallen.“ Gästeführer Artur wird poetisch, als man sich dem Sevansee südlich von Dilidschan nähert. Größer als der Bodensee liegt er auf 1900 Metern Höhe, ist Ausflugsziel für die Hauptstädter und wichtiger Trinkwasserspeicher. Über dem See thront das Kloster Sevanavank aus dem 9. Jahrhundert und bietet einen herrlichen Ausblick auf die „Blaue Perle Armeniens“. In der Nähe stößt man auf den Friedhof Noradus mit Hunderten von alten Kreuzsteinen. Geschäftstüchtige alte Frauen bieten Stricksocken an, führen aber auch flink zu den herausragenden Monumenten.

Nächste Stopps: Kloster Noravank unweit der Grenze zum Iran und Kloster Khor Virap mit seinem großartigen Blick auf den 5165 Meter hohen Ararat. Das religiöse Zentrum des 2,5 Millionen Einwohner zählenden Landes ist aber Etschmiadsin, etwa 20 Kilometer westlich von Jerewan gelegen und Sitz des Katholikos, des geistlichen Oberhaupts der Armenischen Apostolischen Kirche. Im Mittelpunkt steht das Unesco-Weltkulturerbe, der Klosterkomplex mit der Hauptkathedrale, der ältesten christlichen Kirche Armeniens. Gregor der Erleuchter soll sie im 4. Jahrhundert an der Stelle errichtet haben, wo vorher ein heidnischer Tempel stand. Die Schatzkammer beherbergt die wichtigsten Reliquien: die Spitze des Stabes von Apostel Judas Thaddäus, der zusammen mit dem Apostel Bartholomäus schon zwischen 34 und 65 n. Chr. in Armenien das Christentum verbreitet haben soll. Und dann liegt da noch ein Holzstück der Arche Noah. Wenn das kein Alleinstellungsmerkmal ist!

Barbara Waldvogel

   

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