Die Aromen von Armenien

Armenien Kognak - reisen nach Armenien„Kognak“ aus dem Kaukasusstaat genießt einen hohen Status in früheren Sowjetrepubliken. Trotz der feinen Qualität und der langen Brenntradition Armeniens ist dieser Brandy in Westeuropa immer noch etwas unterschätzt.

Über 5000 Meter erhebt sich der Ararat. Der Berg mit dem schneebedeckten Gipfel nimmt einen großen Teil des Blickfelds ein – selbst aus der 60 Kilometer entfernten armenischen Hauptstadt Jerewan. Der Legende nach strandete Noah mit seiner Arche nach der Sintflut auf dem Berg. Für die christlichen Armenier ist der Ararat ein nationales Symbol, er befindet sich jedoch auf der anderen Seite der Grenze zur Türkei. Nur das Tal darunter gehört zu Armenien. Aber es wachsen dort viele Traubensorten wie Voskehat, Garan Dmak, Rkatsitely, Mskhali und Kangun, die nach einem jahrelangen und raffinierten Prozess zum berühmten Brandy aus Armenien beziehungsweise „armjanskij Kognak“ werden.

Lange Rebzeilen verlieren sich in der Landschaft, immer wieder zeigt sich ein Kloster oder eine Kirche im Hintergrund. Die Trauben werden von der Yerevan Brandy Company geerntet und verarbeitet. Das Unternehmen wurde 1887 gegründet und ist bis heute mit Abstand der größte Produzent von armenischen Brandys (in der EU darf das Getränk nicht als Cognac vermarktet werden), das feine Destillat verkauft sie unter dem Namen Ararat – vielleicht als eine Art Entschädigung für den Verlust des heiligen Berges.

Aufgrund des milden Klimas und der fruchtbaren Erde der südkaukasischen Täler sind die Bedingungen für Weinbau besonders gut. Archäologen haben Überreste von Weingütern in Armenien ausgegraben, die mehr als 6000 Jahre alt sind. Die Wetterverhältnisse unterscheiden sich deutlich von anderen cognac- bzw. brandyproduzierenden Regionen in Frankreich, Spanien und Griechenland: Das Ararattal liegt 700 Meter über dem Meer und hat etwa 300 Sonnentage im Jahr. Ein solches Klima sorgt für eine hohe Konzentration von Aromastoffen und Zucker in den Trauben. Und die mehr als 30 verschiedenen Bodentypen führen dazu, dass ein und dieselbe Rebsorte eine Vielzahl von Geschmacksnuancen aufweisen kann – was den armenischen Weinbrand kennzeichnet.

 

Am Hof des Zaren Nikolaus II.

Der Weißwein wird zweimal destilliert, um die hohe Qualität zu erreichen, die dem Ararat Cognac regelmäßig Preise bei internationalen Wettbewerben einbringt und einen umfassenden Export in die ehemaligen Sowjetrepubliken sichert – vor allem an Russland, wo die Yerevan Brandy Company bereits Zulieferer der kaiserlichen Familie in Sankt Petersburg zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts war. Danach wird er mindestens drei Jahre gelagert – unweit vom Jerewan-Zentrum. Hier bekommen Besucher einen Eindruck von der Herstellung, können diverse Jahrgänge probieren und die vielen Fässer inspizieren. Für die Lagerung stellt die Yerevan Brandy Company übrigens eigene Fässer her, die ausschließlich aus kaukasischer Eiche bestehen, die erst abgeholzt wird, wenn der Baum 70 Jahre erreicht hat. Kommt der zweifach destillierte Weißwein in Kontakt mit der Eiche, entsteht das einzigartige Bukett. Während der Alterung wird die Flüssigkeit mit einem Touch von Schokolade, Vanille, verschiedenen Früchten und Gewürzen versehen.

Auf einem besonders prominenten Platz unter den Fässern befindet sich ein „Friedensfass“, das erst geöffnet werden darf, wenn Armenien und Aserbaidschan eine Lösung für den Konflikt um Bergkarabach vereinbaren – das Gebiet sicherte sich Armenien in einem Krieg der frühen 1990er-Jahre, offiziell gehört es aber noch zu Aserbaidschan. Insgesamt hat die Yerevan Brandy Company mehr als 38.000 Fässer und mehrere Millionen Liter Spirituosen eingelagert. Bei der Verkostung werden Brandys serviert, die drei, fünf und sieben Jahre alt sind, sowie eines der Aushängeschilder des Unternehmens: zehn Jahre alter Dvin.

Das bernsteinfarbige Getränk rollt im Glas herum. Ein Schimmer von Gold blitzt auf. Das Farbspektrum reicht von leichtem Karamell bei den jüngsten Weinbränden bis zu tiefem Mahagoni des Dvins. Der fünf Jahre alte Brandy hat Nuancen von Pflaume, Pfirsich, Schokolade und Johannisbeere. Der sieben Jahre alte zeichnet sich durch Aromen von Zitrone, Karamell, Feige und Mandel aus – so raffiniert, dass sofort klar wird, warum er am Hof von Zar Nikolaus II. so beliebt war, einen hohen Status in der Sowjetunion hatte und in die DDR exportiert wurde.

Bereits Ende des 19. Jahrhunderts wurde der osteuropäische Markt für Branntwein von Produzenten aus der Schwarzmeerregion dominiert. „Kognak“ aus dem Kaukasus, einschließlich jener der Yerevan Brandy Company, zählte zu den besten in der Welt und gewann gegen die französischen Konkurrenten bei den Weltausstellungen in Paris und Brüssel im frühen 20. Jahrhundert. Während der Sowjetzeit war die Herstellung der Stolz des kommunistischen Regimes. Die UdSSR setzte die Tradition aus der Zarenzeit fort und produzierte hervorragende Jahrgänge, etwa 1967, 1977 und 1987, Jubiläumsjahre der russischen Revolution von 1917. Die verbleibenden Flaschen aus diesen Jahren sind begehrte Sammlerobjekte, nicht nur wegen ihrer Qualität, sondern auch wegen ihrer historischen Bedeutung.

Getränk für Entscheidungen

Anekdoten bringen den „Ararat Cognac“ mit Agatha Christie und Frank Sinatra in Verbindung. Und bei der Jalta-Konferenz 1945 soll die Teilung Europas bei beträchtlichen Mengen des Getränks ausgehandelt worden sein. Bei der Gelegenheit soll der britische Premierminister Winston Churchill dem Gastgeber Josef Stalin ein Kompliment für den ausgezeichneten Brandy gemacht haben. Kritiker meinen jedoch, dass diese Geschichte später verschönert wurde. Dass armenischer Brandy Churchills Lieblingsgetränk war und dass er jedes Jahr persönlich 400 Flaschen bei Stalin bestellte – wie manche behaupten – ist nicht bewiesen. Wahr ist aber: Als Wladimir Putin David Cameron in der Sommerresidenz Botscharov Rutschej bei Sotschi 2013 empfing, erinnerte man sich an das Getränk, das damals bei den schwierigen Verhandlungen in Jalta zusammengeführt hatte: Putin schenkte seinem englischen Kollegen eine mehr als 40 Jahre alte Flasche armenischen Cognacs.

von Jens Malling (Die Presse)

   

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