Und immer grüßt der AraratArmenien, das heilige Land am Fuß des Kaukasus, ist die erste christliche Nation der Erde und berühmt für seine uralten Klöster und Felsenkirchen. Doch erst langsam stellt sich ein regelrechter Pilgertourismus ein.

Die meisten Flüge nach Armenien starten abends und landen nachts, vielleicht aus gutem Grund. Ist man gelandet, bricht der neue Morgen an. Das einst von Armeniern bewohnte Anatolien, Schauplatz des ersten Völkermordes und der größten Christenverfolgung der Geschichte, überquert man im Dunkel der Nacht. Selbst der heilige Berg Ararat, auf dem einst Noahs Arche strandete, liegt zum Leidwesen der Armenier noch jenseits der türkischen Grenze.

Menschen mit viel Gottvertrauen

Doch obwohl die noch heute geleugnete Schuld der Türken und der Konflikt um die armenische Enklave im Nachbarstaat Aserbaidschan drückende Altlasten für das kleine Kaukasusland sind, blickt man in Armenien zuversichtlich in die Zukunft. Eine neue Regierung holt bewusst ausländische Investoren ins Land, man setzt auf IT und Tourismus. Armenien hat zwar keine Bodenschätze, aber tiefe Wurzeln, eine reiche Kultur, hohe Bildung – und Menschen mit viel Gottvertrauen.

Ihr Glaube ist nicht nur ihr Alleinstellungsmerkmal in einer feindseligen Nachbarschaft, er verbindet auch Millionen Armenier in der Diaspora mit ihrem Mutterland. Er half ihnen, die Katastrophen der Vergangenheit, die Fremdherrschaft der Perser, Türken und Sowjetrussen, als Martyrium zu verstehen. Sie sehen sich als auserwähltes Volk, stolz darauf, anders zu sein. Für sie ist Armenien ein heiliges Land, seit Noah vom Ararat hinabstieg und hier den ersten Wein anbaute.

Vom Flughafen geht es in die Hauptstadt Jerewan. Sie liegt in einem Talkessel an den Ufern des Flusses Hrasdan, einem Zufluss des Arax, den Forscher für einen der vier Paradiesströme halten. Jerewan ist älter als Rom, es wurde bereits 782 v. Chr. als „Erebuni“ von König Argisti I. gegründet. Doch wenig an dieser Stadt wirkt wirklich alt. Ihr höchster Hügel wird von einem spitzen Fernsehturm überragt und was zunächst wie eine alte Festung wirkt, erweist sich als Cognacfabrik aus den 1930er Jahren. Zumindest ihr Name „Noy“ (Noah) ist biblisch. Gegenüber, ähnlich bombastisch, die Konkurrenz, die sich „Ararat“ nennt, nach dem allgegenwärtigen heiligen Berg. An einem Abhang mahnt der silberne Zeigefinger der Völkermordgedenkstätte Zizernakaberd („Schwalbenfestung“).

Das Stadtbild ist uneinheitlich, moderne Prachtarchitektur wechselt sich ab mit Stalinbarock und Chruschtschow-Platte. Zahlreiche Blumenbeete und künstliche Wasserspiele verraten die Liebe der Armenier zur Gartenkultur; der Name des Paradiesgartens stammt aus ihrer Sprache. Über allem thront „Mutter Armenien“ mit Sowjet-Pathos über dem Nationalheiligtum ihres Volkes, der „Matenadaram“-Bibliothek. Die Armenier sind Buchmenschen. Nicht den Eroberungen ihrer Krieger, nicht den Werken von Malern und Bildhauern gilt ihre Liebe, sondern ihren Büchern.

Etschmiadsin ist der armenische Vatikan

Die 36 Buchstaben der armenischen Schrift, die der Heilige Meschrop Maschtoz im 5. Jahrhundert entwickelte, um die Bibel und die Kirchenväter in die Sprache seines Volkes übersetzen zu können, gelten als Offenbarung. Der illuminierte Codex Etschmiadsin, ein Evangeliar aus dem 10. Jahrhundert, ist der Stolz aller Armenier. Er wird in diesem Schrein, atombombensicher in den Fels geschlagen, verwahrt.

Sein Ursprungsort ist das nächste Ziel. Etschmiadsin ist der armenische Vatikan: ein ausgedehntes Territorium, in dessen Zentrum der Muttersitz der orthodoxen „Armenisch-Apostolischen Kirche“ steht. Ihr Oberhaupt, der „Katholikos“ Karekin II., hat in Bonn studiert und in Köln gewirkt, bevor er 1980 in die Heimat zurückkehrte. Mit Papst Franziskus verbindet ihn eine enge Freundschaft.

Man betritt die „heilige Stadt“ durch ein modernes Monumentaltor, dessen Relief den zentralen Moment der armenischen Geschichte zeigt. Es war im Jahr 301, als König Trdat III. den Missionar Gregor, genannt „der Erleuchter“, aus dem Verließ holen und sich von ihm taufen ließ. Damit wurde das Land zur ersten christlichen Nation auf Erden. An der Stelle des einstigen Feuertempels der Jünger des Zarathustra, wo Gregor eine Christusvision hatte, ließ er die erste Kathedrale und das erste Kloster des Landes errichten und nannte sie „Herabgestiegen ist der Eingeborene“ (Armenisch: „Etschmiadsin“). Hier entwickelte Meschrop später das armenische Alphabet.

Ornamente der Kathedrale verraten persischen Einfluss

Zurechtgestutzte Bäume und zahllose Kreuzsteine, die „Chatschkar“, säumen den Weg. Sie zeigen das Kreuz als reich verzierten Lebensbaum. Wo immer Armenier siedelten, beteten und arbeiteten, findet man sie. Sie markieren den Weg dieses Volkes durch die Geschichte, einen Weg, der zum kollektiven Kreuzweg wurde.

Die Ornamente der Kathedrale von Etschmiadsin verraten persischen Einfluss, ansonsten aber überrascht ihre Schlichtheit. Kein Prunk, kein Pomp, keine orthodoxe Bilderflut lenkt von ihrem hoch aufragenden Altar ab, der das Bild der Gottesmutter trägt. In der Schatzkammer finden sich die größten Heiligtümer der armenischen Kirche, ihre Reliquien. Ein Stück uralten Holzes in einem filigran gearbeiteten Silberreliquiar soll von der Arche Noah stammen. Ein noch prachtvolleres Reliquiar enthält die Heilige Lanze, die der Legende nach der Apostel Judas Thaddäus einst nach Armenien brachte. Ein drittes, ebenso kostbares Reliquiar bewahrt Holz vom Kreuze Christi.

Das nächste Ziel ist das benachbarte Swartnoz. Hier soll Gregor der Erleuchter einst den König bekehrt haben, hier stand später die Palastkapelle seiner Nachfolger, erbaut gegen Mitte des 7. Jahrhunderts. Sie war damals der höchste Sakralbau der Welt und so imposant, dass es bald hieß, Engel hätten sie errichtet. Kunde von ihr erreichte auch das Europa Karls des Großen, der den armenischen Baumeister Odo beauftragte, das Aachener Oktogon nach ihrem Vorbild zu errichten.

Kostbarste Reliquie inmitten einer archaischen Landschaft

Im 10. Jahrhundert wurde sie durch ein Erdbeben zerstört. So ragen heute nur noch Säulen und Bögen ihres Erdgeschosses in den Himmel und scheinen die Wolken zu tragen. Zwei Stunden dauert die Fahrt zu dem uralten Kloster von Chor Virap, errichtet über dem Verließ, in dem König Trdat den heiligen Gregor zwölf Jahre lang gefangen hielt.

Es liegt direkt an der türkischen Grenze, inmitten einer archaischen Landschaft, rein und wild wie am sechsten Schöpfungstag. Von hier aus hat man den besten Blick auf den Ararat. Das Verließ selbst ist klein, dunkel, eng und bedrückend. Früher soll es eine Schlangengrube gewesen sein. Nur seine Glaubensstärke ließ Gregor dort nicht zerbrechen, sondern triumphieren.

Doch lohnt es sich, noch tiefer in das Herz dieses uralten Volkes zu blicken. Vorbei an dem noch intakten römischen Mithras-Tempel von Garni, an pittoresken Dörfern, Obsthainen und Weinbergen, fährt man in das Reich der Schluchten und Felsen. Dort liegt Geghard, das „Kloster der Heiligen Lanze“, das der heilige Gregor im 4. Jahrhundert an der Stelle eines heidnischen Quellenheiligtums gegründet hat. Hier, umgeben von steinernen Klippen, Eremitenhöhlen und Kreuzsteinen, wurde jahrhundertelang die kostbarste Reliquie der Armenier gehütet.

Die in den Fels geschlagene Klosterkirche ist in mystisches Halbdunkel gehüllt, nur ein Kandelaber erhellt den Altar. Die Wände der Seitenkapellen sind mit archaischen Tierdarstellungen geschmückt, die noch aus heidnischer Zeit stammen könnten. Es ist, als würde die 4 000-jährige Geschichte Armeniens an diesem einen Ort zusammenkommen. Durch den felsigen Grund schlängeln sich Kanäle mit dem Wasser der heiligen Quelle; es soll Wunder wirken und Krankheiten heilen. Erfüllt vom Segen dieses heiligen Ortes kehrt man nach Jerewan zurück. Der Himmel ist klar, keine Wolke verhüllt mehr den Ararat, jetzt im warmen Licht der untergehenden Sonne. Der Schnee an seinen Hängen leuchtet wie Gold. Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies hat man den Himmel auf Erden gefunden.

Michael Hesemann

   

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