Reise in den Kaukasus. Armenien: Zum Geburtstag kommt die Nase weg

Der kleine Kaukasus-Staat Armenien ist auf der Suche nach einem neuen Profil.Aufbruch zwischen Orient und Okzident: Der kleine Kaukasus-Staat Armenien ist auf der Suche nach einem neuen Profil.

Die Armenier waren, so sagt die Legende, schon seit Anbeginn der Zeiten immer ehrgeizig und gierig. Nur das Beste und Größte war für sie gut genug. Und als nun Gott die Nasen unter den Menschen verteilte, begnügten sich die Russen mit kleinen Nasen. Die Georgier nahmen größere Nasen, um in den Bergen besser atmen zu können. Doch die Armenier wollten auch hier wieder das Beste und Größte – sie verlangten vom Herrgott, er solle ihnen die größten Nasen von allen geben. Und die bekamen sie dann auch.

 

Witze über ihre großen Nasen gehören für die Armenier zur kulturellen Identität. Schlendert man über die „Vernissage“, den Kunsthandwerksmarkt in Jerewan, bei dem viele Touristen ihre Mitbringsel erwerben, findet man reihenweise hölzerne Riesennasen, die man als Brillenablagen benutzen kann. „Eine armenische Nase für dein Zuhause“, lockt der Verkäufer und lacht.

 

Der heilige Berg liegt heute in Ostanatolien

Tatsächlich sieht man viele große Nasen in Armenien – meistens in Männergesichtern. Zusammen mit den dichten, dunklen Haaren und den schwarzen Augen, denen man gerne Melancholie andichten möchte, bilden sie das typische Gesicht dieses Landes. Bis heute ist Armenien sehr homogen bevölkert, ein Hinweis auf die leidvolle und zum Teil katastrophale Geschichte dieses Landstrichs, der zwischen drei muslimischen Ländern liegt und seine Souveränität als christlicher Staat nicht ohne empfindliche Gebietsverluste behaupten konnte.

Die heutige Ausdehnung Armeniens umfasst nur einen Bruchteil des ursprünglichen armenischen Siedlungsgebiets, das sich über eine riesige Fläche im Kaukasus erstreckte, die sich heute Georgien, die Türkei, Iran und Aserbaidschan mit Armenien teilen. Vor allem in der Türkei und Aserbaidschan liegen Regionen, die den Armeniern als ihr ureigenes Stammland gelten: Ihr heiliger Berg Ararat, dessen Name und Umriss sich auf Zigarettenpackungen, Bankenlogos und Cognac-Flaschen finden, liegt heute in Ostanatolien und ist für Armenier unerreichbar. Die Grenze zur Türkei ist wegen der noch immer ausstehenden Anerkennung des osmanischen Völkermords an den Armeniern unpassierbar. Ähnliches gilt für die Region Nagornyj Karabach im Osten, um die seit den neunziger Jahren ein stetiger, zäher Krieg geführt wird, der nach wie vor Menschenleben fordert.

 

Überall spürt man Aufbruchstimmung

So sehen sich viele Armenier in einem verstümmelten, unvollständigen Gebiet eingezwängt, das durch historisches Unrecht beraubt wurde. Der Schatten einer brutalen, erbarmungslosen Geschichte liegt bleiern auf dem Land – und bleibt unvergessen nicht nur von den Armeniern in Armenien, sondern auch in der mehr als doppelt so großen armenischen Diaspora: Von den zehn Millionen Armeniern weltweit leben nur drei Millionen im Heimatland – und auch von diesen versuchen jährlich Zehntausende ihr Glück im Ausland zu finden, vor allem junge Leute. Dennoch wird Armenien zu den aufstrebenden Nationen gezählt. Die britische Wochenzeitung „The Economist“ zeichnete das Land sogar als „Country of the year 2018“ aus, und das Wirtschaftsmagazin „Forbes“ reihte es unter die Best Budget Travel Destinations für das Jahr 2019.

Und tatsächlich: Überall in Jerewan spürt man Aufbruchsstimmung. Die Restaurants, Hotels und Cafés sind ebenso elegant und modern wie die Menschen auf der Straße. Dabei darf man ein Land nicht nach dem Standard seiner Hauptstadt beurteilen – der innere Bezirk Jerewans ist unverkennbar als Visitenkarte angelegt und beeindruckt mit einer geradezu helvetischen Sauberkeit. An den Rändern ist es schnell vorbei mit den sich gedämpft absenkenden Toilettensitzen und dem instagramtauglichen Latte macchiato. Ein unbändiger Wille, sich urban und weltgewandt zu geben, ist aber auch dort erkennbar.

VON SELMA MAHLKNECHT

 

   

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